Warum Gratis-Parken keine Lösung ist, sondern bestehende Probleme eher verschärft

Der Verkehrsversuch „Autofreier Markt“ hat das Ziel, herauszufinden, ob eine Reduzierung des Innenstadtverkehrs vor Fertigstellung der Südumfahrung im Jahre 2023 möglich ist. Seit Kurzem gibt es, wie auch die Sächsische Zeitung berichtet, eine weitere Idee den Innenstadtverkehr betreffend. So sollen Montags bis Freitags ab 16.00 Uhr und Samstags ganztags keine Parkgebühren auf öffentlichen Parkflächen mehr erhoben und damit kostenloses Parken ausgeweitet werden.

Als Begründung wird angeführt, Kunden stünden stets unter teurem Parkzeitdruck. „Entspanntes Bummeln werde oftmals zu einem Wettrennen mit dem Ordnungsamt.“. Der durch die Corona-Ausfälle gebeutelte Einzelhandel und die Gastronomiebetriebe in der Innenstadt sollen mit kostenlosem Parken belebt werden.

Na ja. Jeder weiß, dass die Augen des Ordnungsamtes nicht überall sein können. So wird beispielsweise trotz absolutem Halteverbot direkt am Rathaus vor den Augen des Ordnungsamtes auf der Fläche vor dem Standesamt geparkt. Ich denke, das Ordnungsamt ist personell nicht in der Lage, mit Autoparkern in einen Wettbewerb um die Verteilung von Parkknöllchen zu treten. Das nur am Rande.

Pirna will und braucht mehr Touristen und Tagespendler

Wir wollen und müssen mehr Touristen und Tagespendler in die Stadt holen. Dabei sollen diese allerdings gezielt in die Parkhäuser gelotst und nicht durch kostenfreies Parken animiert werden, mit den Innenstadtbewohnern um die raren Parkflächen in Konkurenz zu treten.

Wie kann man das erreichen? Solange es für Langzeitparker finanziell attraktiver ist, auf öffentliche Parkflächen zurückzugreifen anstatt im Parkhaus zu parken, werden Parkplatzsuchende vorrangig öffentliche Stellplätze anfahren, um ihr Auto dort abzustellen. Wertvoller Parkraum für Anwohner geht dadurch verloren.

Zum Thema ÖPNV sagt Andreas Wahry aus Heidenau: „Der ÖPNV muss attraktiver und mit kürzeren Takten auf sinnvollen Wegen realisiert werden. Solange ein Busticket mehr kostet als der selbe Weg an Benzin mit dem Auto und der Annehmlichkeit nicht 30 bis 60 Minuten auf den Bus warten zu müssen, wird man sich eher überlegen vor Ort oder doch ein paar Meter weiter einkaufen zu gehen.“ – Danke für diesen wichtigen Gedanken, Andreas.

Mehr Touristen und Tagespendler bedeutet mehr Kunden, mehr Umsatz für Einzelhändler und Gastronomie. Allerdings: Eine Erklärung, wie die Einzelhändler auf der Schuhgasse oder die Gastronomie am Markt mehr Kunden erreichen und damit mehr Umsatz machen sollten, wenn Lieschen Müller an der Post auf der Gartenstraße kostenlos parken kann, erschließt sich mir nicht.

Zudem verhindert das Gratis-Parken eine Rotation im Parkverkehr, weil die Parkplätze viel zu lange oder sogar ständig besetzt bleiben. Das wiederum ist für die Stadt und für die hiesige Geschäftswelt kontraproduktiv, weil auswärtige Gäste, wenn sie keinen Parkplatz finden, womöglich sofort wieder das Weite suchen und erst gar nicht mehr wiederkommen.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Innenstadtverkehr und Einzelhandel

In einer früheren Studie des Bundesministeriums für Verkehr wurden die Zusammenhänge zwischen Innenstadtverkehr und Einzelhandel untersucht. Was ist eine der Kernaussagen der Untersuchung? 

Bei der Gesamtbeurteilung der Innenstadt ist den Kunden die Attraktivität wichtiger, als die Erreichbarkeit; bei der Beurteilung der Attraktivität wurden folgende Kriterien als besonders wichtig beurteilt:

  1. Einkaufsatmosphäre
  2. Angebot an Fachgeschäften mit Beratung
  3. Angebot an preisgünstigen Geschäften
  4. Größe und Vielfalt des Warenangebotes
  5. geringe Belästigung durch den Autoverkehr

Ja, und dazu gehört auch ein autofreier Markt. Alles dazu hier.

Zwei weitere Fakten:

  • Die Abschaffung des bezahlten Parkens führt zu mehr Mobilität (Staus und Schadstoffausstoß), mehr Fahrzeugen, die einen Parkplatz suchen und verringert die Verkehrssicherheit.
  • Die Parkgebühren halten die Menschen nicht vom Parken ab, die Kunden rechnen es bei den Kosten ihres Tagesausflugs mit ein. Der Preis für das Parken spielt bei der Wahl des Reiseziels eine untergeordnete Rolle.

Parken kostet Geld – aber wer soll die Rechnung übernehmen?

Investitionen zur Schaffung von Parkmöglichkeiten sind auch dann notwendig, wenn das Parken „kostenlos“ ist. Und wenn Autofahrer nicht für das Parken bezahlen, wer dann? Kostenloses Parken bedeutet, dass die Städte die Rechnung aus den allgemeinen Rücklagen bezahlen, das heißt die steuerzahlenden Bürger bezahlen die Rechnung – früher oder später.

Ich finde den Vorschlag, das Gratis-Parken auszuweiten, kontraproduktiv zu unseren Zielen für die Pirnaer Innenstadt: der Verkehr, insbesondere in der Innenstadt soll reduziert werden, Tagestouristen sollen die Parkhäuser nutzen, Anwohnerstellflächen sind zu erhalten und auszubauen. Dies alles ist im Verkehrsentwicklungsplan 2030 nachzulesen.

Meine persönliche Meinung und Einschätzung ist, dass eine Ausweitung des kostenlosen Parkens die Probleme in der Innenstadt eher noch verschärft. Jeder will einen kostenfreien Parkplatz ergattern und fährt dafür auch an einem freien Parkhaus vorbei. Alle reden von kurzen Wegen. Kurze Wege für Erledigungen mit dem Auto bedeutet auch: Rein in die Stadt – Auto abstellen – Einkäufe tätigen, Bummeln, Essen gehen, Kino – raus aus der Stadt. Und das Ganze möglichst ohne längere Parkplatzsuche.

Ziel ist die Erhöhung der Attraktivität und damit die Aufenthaltsdauer in der Innenstadt für die Pirnaer und unsere Gäste. Die Reduzierung des Autoverkehrs ist ein Weg dahin. Niemand soll auf sein Auto verzichten müssen oder sich in seiner individuellen Mobilität eingeschränkt fühlen. Wer nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren will oder kann, weil er aus welchen Gründen auch immer kurze Wege für seine Erledigungen braucht oder weil nach 20.00 Uhr kein Bus mehr nach Neundorf fährt, soll weiterhin mit dem Auto auch bis auf den Markt fahren können. Dennoch sollte sich jeder ab und an selbst die Frage stellen: „Muss ich das jetzt unbedingt mit dem Auto erledigen?“

Zusammenfassung

  1. Pirna braucht mehr Touristen und Tagespendler
  2. Für diese und uns Pirnaer muss in der Innenstadt eine attraktive Aufenthalts- und Einkaufsatmosphäre geschaffen werden. Störender Autoverkehr gehört da nicht dazu. Stichwort: Autofreier Markt
  3. Anwohner benötigen Anwohnerstellplätze
  4. Die Verweildauer der Touristen und Tagespendler und die Umsätze im Einzelhandel und in der Gastronomie lassen sich nicht durch Gratis-Parkplätze für Jedermann, sondern nur durch eine hohe Aufenthaltsattraktivität steigern.

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