Warum Gratis-Parken nicht die Lösung ist und bestehende Probleme nur noch verschärft

Der Pirnaer Innenstadtverkehr – ein Dauerthema nicht nur im Stadtrat. Nun hat ein Abgeordneter vorgeschlagen, das Montags bis Freitags ab 16.00 Uhr und Samstags ganztags keine Parkgebühren auf öffentlichen Parkflächen mehr erhoben und damit kostenloses Parken in der Innenstadt ausgeweitet werden soll.

🕑 Lesezeit: 5 Minuten

Als Begründung wird angeführt, Kunden stünden stets unter teurem Parkzeitdruck. „Entspanntes Bummeln werde oftmals zu einem Wettrennen mit dem Ordnungsamt.“. Der durch die Corona-Ausfälle gebeutelte Einzelhandel und die Gastronomiebetriebe in der Innenstadt sollen mit kostenlosem Parken belebt werden. Der Antrag zur Ausweitung des Gratis-Parkens stand in der letzten Stadtratssitzung am Dienstag, 29.09.2020 zur Abstimmung. Die Sächsische Zeitung berichtet online und in ihrer heutigen Dienstagsausgabe.

Vorab zur Aussage, die „… Kunden stünden stets unter teurem Parkzeitdruck.“. Hier die derzeitig gültigen Parkplatzpreise.

Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Für die öffentlichen Stellplätze auf den Parkplätzen und Straßen sind die Parkgebühren seit 2011 unverändert.

Warum der Stadtrat gegen die Idee der Ausweitung des kostenlosen Parkens gestimmt hat

Auch ich finde den Vorschlag, das Gratis-Parken auszuweiten, kontraproduktiv zu unseren gemeinsam beschlossenen Zielen für die Pirnaer Innenstadt:

  • Verkehrsberuhigung und Reduzierung des Pkw-Verkehrs in der Innenstadt,
  • Tagestouristen sollen die Parkhäuser nutzen,
  • Anwohnerstellflächen sind zu erhalten und auszubauen.

Eine auch teilweise Aussetzung der Parkgebührenpflicht wäre kontraproduktiv und würde dem Ziel, den innerstädtischen Einzelhandel zu stärken, zuwiderlaufen.

Solange es für Langzeitparker finanziell attraktiver ist, auf öffentliche Parkflächen zurückzugreifen anstatt im Parkhaus zu parken, werden Parkplatzsuchende vorrangig öffentliche Stellplätze im Innenstadtbereich anfahren, um ihr Auto dort abzustellen.

Die Stadtverwaltung schreibt zu der Kostenlos-Parken-Idee, „… dass die ohnehin knapp vorhandenen Parkplätze in der Innenstadt nur durch monetäre Bewirtschaftung optimal verteilt werden können und generell keine Maßnahmen getroffen werden sollten, die eine Pkw-Nutzung auf dem Weg in die Innenstadt attraktiver gestalten.“

Zudem verhindert Gratis-Parken eine Rotation im Parkverkehr, weil die Parkplätze zu lange besetzt bleiben. Das wiederum ist für die Stadt und für die hiesige Geschäftswelt kontraproduktiv, weil auswärtige Gäste, wenn sie keinen Parkplatz finden, womöglich sofort wieder das Weite suchen und erst gar nicht mehr wiederkommen.

Mit dem Beschluss der Parkgebührensatzung von 2011 hatte sich der Stadtrat für eine generell zulässige Höchstparkdauer von 2 Stunden ausgesprochen. Hier erfolgte zumindest auf der Gartenstraße, auf Initiative der Händler, nach reichlich einem Jahr die Rückkehr zur maximalen Höchstparkdauer von 1 Stunde. Zur Begründung hieß es damals: „Es ist seit der Änderung kaum ein Parkplatz … frei. Kunden sind frustriert und suchen andere Einkaufsmöglichkeiten. Umsätze sind dadurch rückläufig.“

Die bereits Mitte der 1990er Jahren praktizierte Parkgebührenfreiheit an Samstagen wurde nach einer relativ kurzen Dauer verworfen, da die freien Parkplätze von Dauerparkern (Arbeitnehmer, Anwohner, Gäste) genutzt wurden und nicht für potenzielle Kunden zur Verfügung standen. Des Weiteren wurde ein starker Parksuchverkehr nach den kostenlosen Stellplätzen in der Innenstadt festgestellt, während die Parkhäuser nicht ausgelastet waren.

Für einen etwas längeren Besuch der Altstadt und einen entspannten Schaufensterbummel ohne Parkzeitdruck sollten zum Parken die Parkhäuser oder die kostenfreien Stellplatzmöglichkeiten an der Peripherie außerhalb der Innenstadt genutzt werden.

Meine Meinung und Einschätzung ist, dass eine Ausweitung des kostenlosen Parkens die Probleme in der Innenstadt eher noch verschärft. Jeder will einen kostenfreien Parkplatz ergattern und fährt dafür auch an einem freien Parkhaus vorbei.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Innenstadtverkehr und Einzelhandel?

Untersuchungen zum Einkaufsverhalten junger Menschen zwischen 14 und 25 hat erbracht, dass 54% der darin Befragten in die Innenstadt gehen, um Freizeit (auch mit Freunden) zu verbringen. Gerade wenn man diese Zielgruppe zukünftig halten möchte, muss man auf diese Bedürfnisse eingehen. Jeder, der sich mit Handel beschäftigt weiß, dass Aufenthaltsdauer und Umsatz zusammenhängen. Nur Menschen, die in der Stadt sind, können Umsatz machen.

Ein Argument gegen weniger Autoverkehr lautet, der Einzelhandel würde unter den Folgen der geringeren Mobilität der Bürger leiden. Untersuchungen zeigen allerdings, dass für einen florierenden Einzelhandel und hohe Besucherzahlen vor allen Dingen die Qualität der Umgebung entscheidend ist. Das Fazit einer Studie des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen Ost lautet:

„Wer als stationärer Einzelhändler am Ende des Tages in die Kasse schaut, wird feststellen, dass die Kunden, die mit Bus und Bahn, dem Rad oder zu Fuß kommen, ihm wichtiger sein sollten.

Hat der Einzelhändler am Abend 100 Euro in der Kasse, stammen davon 20 Euro von Kunden, die mit dem Pkw kommen, 80 Euro werden durch die Kunden die mit ÖPNV, zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Innenstadt kommen, erbracht. Um den Faktor 4 sind also die Kunden ohne Autoanreise wichtiger.“

In einer früheren Studie des Bundesministeriums für Verkehr wurden die Zusammenhänge zwischen Innenstadtverkehr und Einzelhandel untersucht. Was sind die Kernaussagen der Untersuchung? Bei der Gesamtbeurteilung der Innenstadt ist den Kunden die Attraktivität wichtiger, als die Erreichbarkeit; bei der Beurteilung der Attraktivität wurden folgende Kriterien als besonders wichtig beurteilt:

  1. Einkaufsatmosphäre
  2. Angebot an Fachgeschäften mit Beratung
  3. Angebot an preisgünstigen Geschäften
  4. Größe und Vielfalt des Warenangebotes
  5. geringe Belästigung durch den Autoverkehr

Unbestritten ist auch, dass

  • die Abschaffung oder Reduzierung des bezahlten Parkens zu mehr Mobilität (Staus und Schadstoffausstoß) und damit zu mehr Fahrzeugen führt, die einen Parkplatz suchen. Mehr Verkehr – weniger Verkehrssicherheit.
  • die Parkgebühren die Menschen nicht vom Parken abhalten, die Kunden rechnen es bei den Kosten ihres Tagesausflugs mit ein. Der Preis für das Parken spielt bei der Wahl des Reiseziels eine untergeordnete Rolle.

Eine positive Entwicklung von Fußgängerzonen und eine allgemeine Verkehrsberuhigung sorgten schon in der Vergangenheit dafür, dass bei zwei Drittel aller Betriebe Umsatzsteigerungen aufzuweisen waren und nur bei 3 Prozent der Umsatz sank, so die Erfahrung in Deutschland.

Der Einzelhandel hat mit weniger Autoverkehr die Möglichkeit, sich von den großen Billigdiscountern abzugrenzen, die in den Gewerbegebieten jeder Stadt vertreten sind, indem er sich harmonisch in das Stadtleben eingliedert.

Zusammenfassung

  • Pirna braucht mehr Touristen und Tagespendler
  • Für diese und uns Pirnaer muss in der Innenstadt eine attraktive Aufenthalts- und Einkaufsatmosphäre geschaffen werden. Störender Autoverkehr gehört da nicht dazu.
  • Anwohner benötigen Anwohnerstellplätze
  • Die Verweildauer der Touristen und Tagespendler und die Umsätze im Einzelhandel und in der Gastronomie lassen sich nicht durch Gratis-Parkplätze für Jedermann, sondern nur durch eine hohe Aufenthaltsattraktivität steigern.

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